Ohne Experten geht nichts
Es gibt Zuschreibungen, über die ich mich ärgere. Eine davon ist: Experte. Der Experte ist allgegenwärtig. Er erklärt mir, was ich bereits gesehen habe. Er erklärt mir, was ich bereits im Beitrag gelesen oder gehört habe. Der Experte stiehlt mir vor allem Zeit.
Vielleicht gab es mal einen Journalismus ohne Experten. Ich weiß es nicht. Ich fragte eine Fernsehjournalistin, wozu diese Experten mit ihren Kurzstatements benötigt würden. Sie meinte, dass sei von der Redaktion so gefordert. Es sei ein Autoritätsbeweis, der den Inhalt des Beitrages bestätigen soll. Das schließt die beunruhigende Frage nach dem warum ein. Sind die Beiträge so schlecht recherchiert, dass sie mit einem Experten veredelt werden müssen? Nun gibt es deutlich mehr Medien, die nach einem Experten verlangen als Experten selbst. Das führt einerseits dazu, dass plötzlich jeder einmal ein Experte ist. Unter dem Namen schreibt man einfach "Experte" und fertig. Viel schlimmer als der B-Experte sind allerdings die omnipräsenten Experten. Egal welcher Sender eingeschaltet wird, zu bestimmten Themen scheint es nur wenige verfügbare Experten geben. Es kann natürlich auch sein, dass die Expertenliste einmal angefertigt wurde und dann ständig von allen Journalisten benutzt wird. So geschehen zum Beispiel in der Redaktion der Sendung "Der Tag" von HR2. Ich kann mir vorstellen, wie das ablief.
Am 7. Januar wurde die Sendung "Und ewig droht der Gasentzug - Russlands Spiel mit Europas Abängigkeit" ausgestrahlt. In der Redaktionskonferenz hieß es dann:
- "Wir brauchen noch jemanden, der uns die russische Politik erklärt. Wen kann man da interviewen?"
- "Vielleicht Klaus Bednarz?"
- "Nein, zu kritisch und außerdem zu alt. Wir brauchen jemanden, der sich mit der modernen russischen Politik beschäftigt."
- "Gibt es da nicht diesen Experten in Berlin?"
- "Kaminer?"
- "Nein. Der macht ja Kultur. Rahr hieß der, glaube ich. So ein Politikberater"
- "Gut, dann ruft ihn an. Wir nehmen ihn als Interview in die Sendung."
Am 15. Januar wurde die Sendung "Jenseits von Schengen: Ukraine, die große Unbekannte" ausgestrahlt. In der Redaktionskonferenz hat sich dann ähnliches wie am 7. Januar abgespielt. Wieder wurde Alexander Rahr zum Interview vorgeladen. Er durfte zum russisch-ukrainischem Verhältnis referieren. Rahr durfte seine Sicht der Dinge in vielen Medien unterbringen. So wie ihn gibt es noch weitere Themenexperten, die einem ständig über den Weg laufen.
Daneben gibt es noch die Länderexperten. Sie zeichnet nichts weiter aus, als dass sie aus dem jeweiligen Land kommen oder dort schon einmal gelebt haben. Der "Referenzrusse" (das ist nicht despektierlich gemeint) in Deutschland ist zweifellos Wladimir Kaminer. Er ist so wichtig, dass er gleichzeitig mit dem russischen Botschafter in Deutschland Kotenev bei Sabine Christiansen sitzen durfte. Diese Referenzexperten erklären uns die Länder, die Gewohnheiten und, wenn es sein muss, auch die Seele/Mentalität der Einwohner. Für Polen teilen sich das Steffen Möller und Andrzej Stasiuk. Für die Türken dürfen Cem Özdemir oder Dajango Asül sprechen. Orhan Pamuk möchte das nicht mehr machen. Und selbst in Finnland haben wir unseren Mann: Roman Schatz. Das schlimmste Expertentum findet sich jedoch bei Fußballübertragungen.
Ein Auswärtsspiel im UEFA-Cup fördert dann ehemalige Spieler oder Trainer aus der Bundesliga zutage, die man auch in der Rubrik "Was macht eigentlich..." zusammenfassen könnte. Man hat sie nicht vermisst. Und meistens disqualifizieren sie sich mit ihren Kommentaren für jede weitere Fernseharbeit. Ich hoffe jedes Jahr aufs Neue, dass eine deutsche Mannschaft gegen Sheriff Tiraspol antreten muss, um zu sehen, wer in Transnistrien ausgegraben wird.